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Bildhauerei

Artikel #6891, »Bildhauerei«, geschrieben von: Josef Kandl (99 %) , Markus Schweiß(Red.) (0 %)

Abbildung: Doryphoros.jpg

Torso des Doryphoros, röm. Kopie nach griech. Original um 450/40 v. Chr.

Bildhauerei, Kunstgattung der bildenden Künste. Werke der Bildhauerei sind vor allem die Skulptur und Plastik. Dreidimensionale Kunstwerke der Bildhauerei sind entweder vollständige Skulpturen bzw. Plastiken sog. Freifiguren, Voll- bzw. Rundplastiken oder über eine Fläche mehr oder weniger erhaben hervortretende Bildwerke (Reliefs). Künstler der Bildhauerei schlagen mit Hammer, Schlägel und Meißel und/oder mit Sägen, Fräsern und Bohrern Figuren aus dem Stein oder formen und schweißen Skulpturen aus Metall und Bildschnitzer und Holzbildhauer schnitzen solche mit Schnitzwerkzeugen aus Holz oder Elfenbein. Im Gegensatz zu Skulpturen werden Plastiken aus weichen, modellierbaren Massen wie Ton, Porzellan, Wachs und Gips plastiziert und geformt. Als Vorlage für steinerne Skulpturen dient meist eine Zeichnung und/oder ein Ton- oder Gipsmodell dessen Maße durch verschiedene Messtechniken auf den Stein übertragen werden (Zirkel, Punktieren, Punktiermaschinen etc.)

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Zur Bildhauerei zählen auch die Gießtechniken für verflüssigte Metalle und Materialien wie Kupfer, Bronze, Gold, Silber, Blei, Zinn, Zink, Messing, Gips, Wachs, Glas, Kunststoff usw. bei welchen die flüssigen Substanzen in vorher modellierte und vorbereitete Formen gegossen werden und darin abkühlen oder aushärten. Die Ausformung weicher, knetbarer Materialien zu Reliefs kann auch mittels geschnitzter oder gefräster, meist hölzerner Negativformen, sog. Model, geschehen (z. B. Tonziegel oder Wachsabdrücke; auch Butter und Teig für Gebäck).

Abbildung: Heroenrelief.jpg

Heroenrelief mit Speerträger, Argos, griech. 4. Jh. v. Chr.

Bereits aus dem Jungpaläolithikum sind diverse Statuetten aus Stein oder Elfenbein und auch große, gestaltete Steinmale (Menhire und Dolmen und Steinkreise) bekannt. In den Hochkulturen des Altertums, in Mesopotamien und Ägypten des 3. Jt. v. Chr. wurde die Bildnerei in verschiedenen Steinarten wie Marmor, Granit oder Sandstein im Auftrag von Königen und Pharaonen praktiziert und es entstanden eindrucksvolle Monumente, Kolossalstatuen und Bauplastiken. In Verbindung mit griech. Tempelbauten der Antike sind stilbildende bildhauerische Details an Säulen, Stelen, Kapitellen, Friesen und Giebeln entstanden.

Eine bed. Leistung der griechischen Klassik war die Ausbildung der Freifigur. Bekannter und avantgardistischer Bildhauer seiner Zeit war Polyklet (5. Jh. v. Chr.) der als erster bildender Künstler eine Schrift verfasste, in der er Regeln für die Plastik definierte. Nach diesem System festgelegter Maßverhältnisse, die den natürlichen Körperproportionen entsprachen, war ab dato das Gelingen eines Kunstwerkes nicht mehr dem Zufall überlassen. Anhand der analysierten Naturgesetze zeigte er, dass durch die Form auch das Ethos, das moralisch Gute erreichbar war. In seiner beispielhaften und oft kopierten Statue des Doryphoros griff er das tradierte Motiv des Kontrapostes auf, in dem der Gegensatz von dynamischem Bewegungspotential und Ruhestellung, von Stand- und Spielbein zum Ausgleich und ins Gleichgewicht kommt.

Bedeutende Werke der Bildhauerei entstanden auch im Mittelalter im Zusammenhang mit der Errichtung gotischer Dome und deren äußerer und innerer Ausschmückung (Kruzifixe, Flügelaltäre, Madonnen, Heiligenfiguren, Pietàs und Bildhauerarbeiten an künstlerischen Bau- und Stilelementen der Architektur). Die Bildhauerei der Renaissance griff wieder auf die Antike zurück und Standbilder und Freifiguren wurden wieder bevorzugte Objekte der künstlerischen Gestaltung. Im Barock verschmolz die Bildhauerei zusammen mit der Architektur und Malerei zum Gesamtkunstwerk. Repräsentative Denkmäler, Statuen und Standbilder wurden von Herrschern und Fürsten bis ins 19. Jh. und, besonders monumental, auch wieder von den Diktatoren im ersten Drittel des 20. Jh. in Auftrag gegeben. Zu den Skulpturen der klassischen Moderne sind die Werke der Objekt- und Konzeptkunst seit den 1950/60er Jahren zu rechnen. Wegbereiter war hier der frz. Maler Marcel Duchamp.

Im Zusammenhang mit seinen politischen und gesellschaftlichen Aktivitäten prägte Joseph Beuys in den 1970er Jahren den Begriff der »Sozialen Plastik« und bezog diesen, seinen erweiterten Kunstbegriff auf den sozialen Organismus als Kunstwerk innerhalb dessen »jeder lebende Mensch ein Gestalter einer lebendigen Substanz werden kann«.

Literatur

  • Eule, J. Cordelia: Kurzführer zu Ausstellung “Die Griechische Klassik, Idee oder Wirklichkeit“, Antikensammlung Berlin und Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 2002, ISBN 3-8053-2894-X.

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