Logo

Leibniz, Gottfried Wilhelm

Artikel #7559, »Leibniz, Gottfried Wilhelm«, geschrieben von: A Bickel (97 %) , Markus Schweiß(Red.) (0 %)

Abbildung: GottfriedWilhelmLeibnitz.jpg

Gottfried Wilhelm Leibniz

Leibniz, Gottfried Wilhelm (* 1. Juli 1646 in Leipzig; † 14. Nov. 1716 in Hannover), dt. Philosoph und Mathematiker, Diplomat, Physiker, Historiker, Bibliothekar und Jurist. Er gilt als der letzte wirklich universal Gelehrte und war einer der bedeutendsten Philosophen der ausgehenden Barockzeit.

Anzeigen

Leibniz entstammte einer gut lutherischen Akademikerfamilie. Nach dem frühen Tod des Vaters bildete Leibniz sich – neben dem Unterricht in der Nicolai-Schule – selbst anhand der väterlichen Bibliothek fort. Mit knapp 15 Jahren begann er an der Universität Leipzig das Studium der Rechte, das er in Jena fortsetzte; dabei lernte er die damals noch revolutionären Ansichten Galileis, F. Bacons, Descartes’ und Hobbes’ kennen. 1666 wollte er in Leipzig sein Studium mit der Promotion abschließen. Als ihm dies auf Grund seines geringen Alters verwehrt wurde, verließ er seine Heimatstadt für immer. Er wandte sich nach Altdorf (bei Nürnberg), wo er unverzüglich mit dem Dissertationsthema ›De Casibus Perplexis in jure‹ promoviert wurde; auch wurde ihm ein Lehrstuhl angeboten, den er jedoch ablehnte. In Nürnberg hatte er für kurze Zeit Kontakt zu einer alchimistischen Geheimgesellschaft. Bald zog er nach Frankfurt am Main um, wo er eine Reformschrift zur überfälligen Neufassung des corpus juris verfasste. Etwa zu dieser Zeit lernte er Johann Christian Freiherrn von Boyneburg kennen, der ihn beim Hof des Mainzer Kurfürsten und Erzbischofs Johann Philipp von Schönborn einführte. Dort hatte er mit rechts- und staatspolitischen Fragen zu tun.

1672 wurde Leibniz nach Paris gesandt, um Ludwig XIV. den Vorschlag zu unterbreiten, einen neuen Kreuzzug nach Ägypten zu beginnen; der König sollte damit von seinen expansionistischen Plänen abgelenkt werden, die nach Ansicht des Mainzer Erzkanzlers das Kaiserreich bedrohten. Er hatte mit seiner Mission keinen Erfolg, aber er machte die Bekanntschaft des jansenistischen Theologen A. Arnauld. Ende 1672 starb sein Förderer von Boyneburg, drei Monate später auch noch der Kurfürst – Leibniz hatte keine gesicherte Stellung mehr; immerhin war er nun frei, sich intensiv mit Mathematik, Naturwissenschaften und Philosophie zu beschäftigen. Auf der Suche nach finanziellen Mitteln konstruierte er eine mechanische Rechenmaschine, die er im selben Jahr (1673) auf seiner ersten Reise nach London bei der Royal Society vorstellte (April 1673 Aufnahme in die Royal Society). 1675 erarbeitete er die Grundlagen der Infinitesimalrechnung.

Um seinen Lebensunterhalt dauerhaft zu sichern, nahm Leibniz 1676 einen Posten (zunächst als Bibliothekar, von 1678 an als Geheimrat, 1685 als Hofrat) am Hof von Hannover an, den er bis zu seinem Tod innehatte. Er reiste über London, Amsterdam und Den Haag nach Hannover (in Den Haag traf er Spinoza). 40 Jahre lang diente er dem toleranten Herzog Johann Friedrich, dann dessen Bruder Ernst August I., dem Fürsten von Braunschweig-Lüneburg und späteren Kurfürsten von Hannover, und dessen Sohn Georg Ludwig. Als Berater schlug er die Gründung von Akademien vor. Er beschäftigte sich mit Windmühlen, Uhren, hydraulischen Pressen und einer Reihe weiterer mechanischer Geräte. Er machte Vorschläge für U-Boote, entwickelte eine von Windkraft betriebene Wasserpumpe. Diese wurde in den Bergwerken im Harz benötigt, wo er bis 1685 als Ingenieur tätig war. Anhand seiner Beobachtungen unter Tage kam er zu der These, die Erde habe ursprünglich vollständig aus geschmolzenem Material bestanden. Viele sehen in ihm daher den Begründer der systematischen Geologie.

Anfang 1680 starb sein Arbeitgeber. Dessen Nachfolger bestätigte ihn zwar im Amt, doch hatte er wenig Verständnis für Leibniz' Interessen. Schon im Juli 1680 streckte Leibniz seine Fühler nach Wien aus; gleichzeitig begann er, sich intensiv mit der Genealogie des Welfenhauses zu beschäftigen. Fördernde Anteilnahme fand Leibniz aber bei der Herzogin, Sophie von der Pfalz; mit ihm strebte sie eine Vereinigung der christlichen Religionen an. Das Verhalten Frankreichs angesichts der Bedrohung des Reiches durch Ungarnaufstand und Türkeninvasion gab Leibniz Anlass zu einem patriotischen Pamphlet, in dem er Ludwig XIV. als »Mars christianissimus« (lat: Allerchristlichster Kriegsgott) darstellte. Weiter war er unermüdlich tätig mit einem Feuerwerk von Vorschlägen zur Verwaltungsvereinfachung, Bildungspolitik und technischen Verbesserungen; er propagierte eine Feuer- und Flutversicherung, eine Witwen- und Waisenkasse, eine Kreditanstalt für Arme, öffentliche Werkstätten für Arbeitswillige und schließlich eine Denkfabrik, in der Gelehrte auf allen Gebieten zusammenarbeiten. Gleichzeitig pflegte er sein sowieso schon weitverzweigtes Korrespondentennetz, das ihn an seinem Lebensende mit über 1000 Briefpartnern aus 16 Ländern verbinden sollte.

Nach Abbruch der Bergbauversuche im Harz (die teils sabotiert worden waren) wurde er 1685 beauftragt, die Geschichte des Welfenhauses zu erforschen und zu dokumentieren; der Herzog bezweckte damit, Ansprüche auf Rangerhöhung im Reich zu untermauern. Von November 1687 bis Juli 1690 unternahm er eine Reise, die ihn über Süddeutschland, Österreich und Norditalien bis Rom und Neapel führen sollte. In Wien erhielt er Gelegenheit, dem Kaiser seine Vorschläge zur Münzreform, zum Manufakturwesen und zum Aufbau eines Reichsarchivs vorzutragen – wieder ohne Erfolg. In Rom diskutierte er mit dem Jesuiten Claudio Filippo Grimaldi (1638–1712) Fragen des Kulturaustausches mit China und einen Fragenkatalog, da er durch sprachgeschichtliche Untersuchungen Aufklärung über die Herkunft asiatischer Völker zu erhalten hoffte. Ein Angebot, an der Vatikanischen Bibliothek Kustos zu werden, lehnte er ab. Durch Auswertung von Urkunden in Augsburg und in Modena gelang ihm 1690 der Nachweis der »…Connexion der beyden Durchleuchtigsten Häuser Braunschweig und Este.« Ein Ergebnis war 1692 die Verleihung der Kurwürde an Herzog Ernst August.

1691 trat er zusätzlich in die Dienste der Wolfenbütteler Herzöge Rudolf August und Anton Ulrich als Leiter der berühmten Bibliotheca Augusta. Leibniz war nunmehr zu einer Ein-Mann-Akademie geworden und drohte unter der Last der vielfältigen Aufgaben – auch seiner eigenen Ansprüche, Ideen und Projekte – zusammenzubrechen. 1698 hatte Georg Ludwig den Thron bestiegen; der hatte für die weitgespannten Interessen Leibniz' keinerlei Verständnis, so dass dieser sich Hannover immer mehr entfremdete. Ein Gegengewicht bildete dessen Schwester Sophie Charlotte, die Gattin des Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg-Preußen. Deren Projekt, in Berlin ein Observatorium nach Pariser Muster einzurichten, erweiterte Leibniz zum Plan einer naturwissenschaftlichen Akademie (die auch noch Chinamission betreiben sollte). Er bekam zwar die Zustimmung des Kurfürsten zur Gründung, doch verzögerten dessen Prunksucht und die Verwicklungen vor dem Spanischen Erbfolgekrieg die Realisierung des Akademieprojektes. Gleichzeitig träumte Leibniz davon, dass Russland, durch Zar Peter I. zivilisiert, die Brücke zwischen Europa und Fernost bilden könne. Am 11. Juli 1700 wurde die Kurfürstlich-Brandenburgische Societät der Wissenschaften (später Preußische Akademie der Wissenschaften) gegründet, deren erster Präsident Leibniz wurde (die offizielle Eröffnung fand jedoch erst 1711 statt). Ein beträchtlicher Teil der in Berlin ansässigen Mitglieder der Akademie stammte aus den Hugenotten, die nach Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) eingewandert waren. Bereits im Frühjahr 1700 war Leibniz zum auswärtigen Mitglied der Académie des sciences ernannt worden.

Wie schon Jahrzehnte vorher bemühte sich auch jetzt Leibniz um eine Reunion der christlichen Kirchen Europas. In Berlin wollte er Lutheraner und Calvinisten einen, in Paris musste die Opposition des Bischofs Bénigne Bossuet überwunden werden, in England waren die Anglikaner zu überzeugen, auch in Wien musste er werben und gewann sogar die Unterstützung des Kaisers. Er war mehr auf Reisen als an seinem Dienstsitz Hannover; als Diener mehrerer Herren wurde er sogar verschiedentlich der Illoyalität beschuldigt. Als 1700 William, Herzog von Gloucester, verstarb, wurde sein Dienstherr Georg Ludwig zum Thronanwärter. Natürlich wurde es die Aufgabe des Juristen und Historikers Leibniz, die Ansprüche des Hauses Braunschweig-Lüneburg zu untermauern. In den folgenden Jahren wuchs sein Ruhm in ganz Europa, obwohl er sehr wenig veröffentlichte. Denn Leibniz arbeitete an der ›Théodicée‹ (1710), seiner Darstellung göttlicher Gerechtigkeit. Seit 1711 war mit dem öffentlichen Plagiatsvorwurf der Prioritätsstreit mit Newton um die Entdeckung des Infinitesimalkalküls eskaliert – er sollte über den Tod Leibniz' hinaus andauern. 1711 wurde er in Petersburg von Zar Peter I. empfangen, danach hielt er sich in Wien bis September 1714 auf, wo er zum Reichshofrat befördert und als Freiherr geadelt wurde. Er machte dem Kaiser Vorschläge zur Donauregulierung, zur Kontrolle des Getreidehandels, zur Bekämpfung der Pest, zum Finanzwesen und manchem mehr. Trotz der vielfältigen Pflichten und Interessen fand er die Energie für den Briefwechsel mit Samuel Clarke über Newtons Weltbild und Gottesvorstellung – eine weitere bedeutende philosophische Leistung.

Als Georg Ludwig 1714 tatsächlich Nachfolger von Queen Anne wurde (als George I.), musste Leibniz nach Hannover zurückkehren. Sein seit 1685 bestehender Hauptauftrag, die ›Annalen der welfischen Geschichte‹, beschäftigte ihn auch jetzt noch (er gelangte jedoch nur bis zum Jahr 1005). In Phasen gesundheitlicher Erholung schmiedete er Pläne, nach Paris überzusiedeln oder ein Landgut in Ungarn zu erwerben. 1716 traf er in Bad Pyrmont noch einmal Peter I.; seine Gesundheit war jedoch bereits zu geschwächt. Die Gicht und ein Steinleiden fesselten ihn dann bis zu seinem Tod ans Bett.

Anzeigen