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Hobbes, Thomas

Artikel #9675, »Hobbes, Thomas«, geschrieben von: A Bickel (99 %) , Markus Schweiß(Red.) (0 %)

Abbildung: Hobbes.jpg

J. M. Wright: Thomas Hobbes (um 1669)

Hobbes, Thomas (* 5. April 1588 in Westport; † 4. Dez. 1679 in Hardwick Hall, Derbyshire), engl. Philosoph und Staatstheoretiker, bes. bekannt für die bahnbrechende Schrift Leviathan, mit der er die Grundlagen moderner abendländischer politischer Philosophie legte. Seine Interessen waren weit gefächert; er leistete Bedeutendes auch als Historiker, Mathematiker und Ethiker.

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Thomas Hobbes studierte in Oxford Mathematik und Philosophie; mit 20 Jahren wurde er der Lehrer von William Cavendish (später 2. Earl of Devonshire), mit dem er 1610 den Kontinent bereiste. Er entwickelte Zweifel an der klass. Philosophie der Peripatetiker und wandte sich nach der Rückkehr der Philologie zu; eine Frucht seiner Studien war die Übersetzung des Thukydides. Sie erschien 1629 und war als Warnung gegen ausufernde Demokratie (sic!) gedacht. 1629 war er wieder mit einem Schüler in Paris. Ungefähr um diese Zeit studierte er Euklids Lehrbücher, 1630 war er zurück in England. A Short Tract on First Principles hieß seine erste bekannte philosoph. Schrift. Auf einer weiteren Studienreise auf den Kontinent konnte er Persönlichkeiten kennen lernen wie Galilei (1636), Descartes, Mersenne oder Gassendi. Diese Kontakte regten sein Interesse an Naturphilosophie weiter an, er plante eine Trilogie. Deren Abfassung und Veröffentlichung zog sich jedoch 20 Jahre hin (De Cive, 1642; De Corpore, 1655; De Homine, 1658). 1637 kehrte Thomas Hobbes in die Heimat zurück. Die polit. Situation (Vorboten des engl. Bürgerkriegs) regte ihn zur ersten staatsphilosoph. Arbeit an. Als Manuskript zirkulierte unter Freunden die Abhandlung The Elements of Law, Natural and Politic (Grundzüge von Naturrecht und Staatsrecht, publ. 1650).

Da er darin eine absolutistische (also parlamentsfeindliche) Haltung geäußert hatte, ging er 1640 nach Paris ins Exil. Dort wurde 1642 De cive (Über die Gesellschaft) veröffentlicht. Bis 1646 arbeitete er an Problemen der Optik und an der Schrift De corpore (Über den Körper). Ab 1646 war er der Lehrer des gleichfalls ins Exil gegangenen Prinzen von Wales (später König Karl II.). 1651 erschien die Schrift, die seinen Ruhm begründen sollte: Leviathan or the Matter, Forme, and Power of a Commonwealth Ecclesiasticall and Civil (Leviathan oder Wesen, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Gemeinwesens). Die darin enthaltene Kritik am Papsttum rief das Misstrauen der Behörden hervor; so kehrte er sicherheitshalber nach England zurück, wo er mit den neuen Machthabern seinen Frieden machte. 1656 begann ein länger andauernder Streit mit oxforder Naturwissenschaftlern (bes. John Wallis & Rob. Boyle), die seine rein deduktive Methode der Wahrheitsfindung ablehnten. Wallis warf ihm in polit. Hinsicht vor, er sei auf die Seite der Puritaner übergelaufen. 1658 erschien De Homine (Vom Menschen). 1660 kehrte der Prince of Wales zurück und bestieg als Karl II. den Thron, Hobbes wurde wieder in Gnaden angenommen. Der König setzte sogar eine Pension von £ 100 jährlich aus, obwohl die Bischöfe und der Kanzler opponierten. 1666 jedoch untersuchte eine Kommission des Unterhauses (neben anderen Büchern) den Leviathan, dem man Atheismus unterstellte. Daraufhin verbrannte Hobbes eine Reihe von Manuskripten, die er als riskant ansah, auch lebte er fortan in ländlicher Zurückgezogenheit auf dem Landsitz seines ehemaligen Zöglings (des Earl of Devonshire). Veröffentlichungen über sozialpolit. Themen wurden ihm nicht mehr genehmigt – möglicherweise Ergebnis eines Kompromisses zwischen dem König und Hobbes’ kirchlichen Kritikern. 1672 (also mit 84 Jahren) verfasste er eine Autobiographie in latein. Versen und übersetzte 1672–75 die Odyssee, danach die Ilias ins Englische.

Wirken

Ungeachtet der Anfeindungen in seiner Heimat genoss Thomas Hobbes bei Gelehrten auf dem Kontinent höchstes Ansehen; Besucher, die ihm ihre Aufwartung machten, berichteten von der geistigen Frische und Kraft des alten Herrn. Bis in seine letzten Tage zeichnete ihn lebendiges Interesse an der Sprache und an Fallstricken der Logik aus. Hobbes galt nicht nur als der Architekt einer eigenständigen Metaphysik, sondern auch als derjenige, der den Grundstein für eine neue Soziologie legte, die auf den Prinzipien der Naturwissenschaft aufbaute. Er ist zwar bes. bekannt für seine bahnbrechende polit. Philosophie und Anthropologie, doch sollten seine Beiträge zur Geschichtswissenschaft ebenso wenig übersehen werden wie die zur Geometrie, Theologie, Mathematik und Optik. Als Historiker trat er hervor mit den Schriften Behemoth: The History of the Causes of Civil Wars of England (Behemoth: Geschichte der Ursachen der Bürgerkriege in England) und Historia Ecclesiastica (Kirchengeschichte); mit theolog. Fragen beschäftigte sich seine Verteidigungsschrift An Historical Narration Concerning Heresy and the Punishment Thereof (Historischer Abriss der Häresie und ihrer Bestrafung. 1680).

Ein zentrales Erlebnis war das Studium von Euklids Geometrie, er war tief beeindruckt von der strengen Logik, die der dort vorfand, und wie sich aus wenigen Axiomen ein großartiges Gedankengebäude entwickelt. In ähnlicher Weise beeinflusste ihn die von Galilei entwickelte Mechanik; er entwickelte im Laufe der Zeit eine materialistische Ontologie. A Short Tract on First Principles versuchte, sämtliche Naturvorgänge aus Bewegungsvorgängen von Körpern abzuleiten – wie Euklid aufbauend auf wenigen Prämissen und rein deduktiv, also im Stil seiner Zeit »more geometrico«. Alles Sein war für Hobbes gleichbedeutend mit Materie in Bewegung, sogar Sinneswahrnehmungen (Bewegungen der Nerven- und Hirnmasse). Im Einzelnen führte er dies in der Schrift De Corpore (1655) aus, der drei Jahre später De Homine folgte. Da entwickelte er eine sensualistische Psychologie: es gibt nur auf Mechanik beruhende Empfindungen, alles andere ist aus ihnen abgeleitet, auch Begriffe. In seiner Erkenntnislehre sind Worte nur Zeichen für Vorstellungen, Schlussfolgern ist wie Addieren u. Subtrahieren: alles Denken funktioniert wie Rechnen – ein wiederum rein mechanistisches Bild.

Bei einem so konsequenten Denker konnte es nicht anders sein: auf dieser Basis mussten die Anthropologie und Staatsphilosophie entstehen, für die er berühmt wurde: er gilt als einer der wenigen wahrhaft großen Staatstheoretiker und wird gerne in einem Atemzug genannt mit Platon, Aristoteles, Locke, J.-J. Rousseau oder Kant. Hobbes sah einerseits eine Welt wilder, starker, hart und scharf rechnender Herrennaturen, andererseits eine Masse dumpfer, sklavischer Herdenmenschen, die nur ihre Trägheit in Bewegung hält – Descartes’ Mechanik lässt grüßen. Beide Gruppen waren in seinen Augen nicht mehr als Automaten ihrer Greif- und Fressinstinkte (»homo homini lupus«, jeder sieht im Anderen nur ein Raubtier). Diese wölfischen Naturen werden nur durch Angst und Schrecken gebändigt. Hobbes unterstellt nicht, dass Jedermann von Natur aus ein eigensüchtiger Gewalttäter ist, wohl aber, dass auch Gutmeinende im Eigeninteresse (z. B. aus Notwehr oder Hunger) zu Gewalt od. Betrug getrieben werden können. Damit der Einzelne überleben kann, muss das Volk seine Rechte dem Staat abtreten und dem Oberhaupt die höchste Gewalt übertragen – von diesem Augenblick an hat es keine Rechte mehr! Da auch die Religion keinen Staat im Staate bilden kann, gilt dies auch für die Kirchen; bei Hobbes sind sie dem Herrscher untertan (wie schon in der Anglikan. Hochkirche realisiert)! Als Bereich der Freiheit bleibt nur noch, was die Gesetze nicht verbieten, Gewissen ist Privatsache. Unter diesen Prämissen wurde ihm der Staat zum allmächtigen Ungeheuer (»Leviathan«), das ohne Erbarmen alle verschlingt, die sich ihm entgegenstellen.

Diese Staatsphilosophie ist in ihrer völlig unsentimentalen Beurteilung der Konsequenzen ohne Vorgänger: sogar Machiavellis skrupelloser Fürst war immerhin ein menschl. Wesen, kein immaterielles Ungeheuer. Das Neue war die rein naturwissenschaftl. orientierte Wertung politischer und ethischer Phänomene: the true doctrine of the Lawes of Nature is the true Morall philosophie (die wahre Lehre der Naturgesetze ist die wahre Moralphilosophie). Ebenso wie die Naturordnung ggü. ihren Subjekten unbedingten Zwang ausübt, so muss dem Herrscher ggü. seinen Untertanen bedingungslose Macht eingeräumt sein. Emotionslos und streng rational ging Hobbes von dem Axiom aus, nichts sei a priori gut oder böse, alles Sein sei Körper, alles Geschehen sei Bewegung: die Welt ein Uhrwerk ohne Ethik. Erst der Staat liefert die Moral dazu – es muss aber ein zentralistischer Staat sein, weil er über absolute Gewalt verfügen muss. Hobbes' streng rationale Philosophie erweist sich damit nicht nur als typisch für das Denken der Barockzeit, sondern auch passend für die Epoche des Absolutismus – von Ludwig XIII. bis zu den Stuartherrschern in England. Doch auch der Emporkömmling Oliver Cromwell konnte mit Gewinn auf seine Staatslehre zurückgreifen. Immerhin warfen dem Philosophen seine Gegner in Oxford – wenn auch grundlos – vor, er habe den Leviathan verfasst, um dem puritanischen Usurpator zu gefallen.

Hobbes entwickelte als Erster den Gedanken, dass rational handelnde freie Menschen einen »Gesellschaftsvertrag« abschließen, aus dem sich politische und moralische Grundsätze ableiten lassen. Sein Souverän hat unteilbare und unbegrenzte Autorität, er kann nie ungerecht handeln, da er von seinen Untergebenen autorisiert worden ist (»selbst schuld«). Die Aufklärer des 18. Jh. griffen gern auf das Konzept des contrat social zurück, kamen aber zu einem völlig anderen Endergebnis: sie ersetzten seinen barockzeitlichen Absolutismus durch den Liberalismus der Rokokozeit. Auch andere Denker stützten sich auf seine Überlegungen: er wurde zum Vorläufer des Sensualismus der schottischen Philosophenschule (Locke, Hume). Doch auch die stellte seine Theorie auf den Kopf: der radikale Rationalismus Hobbes’ musste dem Empirismus einer neuen Zeit weichen.

Weblink

»Hobbes's Moral and Political Philosophy« in der Stanford Encyclopedia of Philosophy

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