Logo

Schrift

Artikel #2157, »Schrift«, geschrieben von: Ulrich Fuchs (94 %) , K. Bleuer (5 %) , Josef Kandl(Red.) (0 %) et al.

Schrift, ein Zeichensystem, das insb. Sprache, im weiteren Sinn generell geistige Vorstellungen mit Hilfe eines Vorrats aus graf. Zeichen auf einem Medium codiert, und umgekehrt diese Zeichen in einer Art lesbar macht, die Fehlinterpretation weitgehend ausschließt. Im engeren Sinne ist Schrift an die Sprache gebunden, codiert also Sprache und wird als Sprache gelesen, im weiteren Sinne sind auch andere Konzepte (wie bspw. Musik, Mathematik) schreibbar. Die Schrift erlaubt die Tradierung von formulierbarem Wissen unabhängig von direktem Kontakt zwischen Schreibendem und Lesenden. Somit kann ein Schreiber zum ersten viele Leser erreichen (weit mehr, als ein Sprecher Zuhörer), zweitens kann zwischen Schreib- und Leseakt beliebige Zeit verstreichen. Schrift, die in der Menschheitsgeschichte mehrfach unabhängig entwickelt wurde, ist somit entscheidende Kulturtechnik und Katalysator kultureller Entwicklung.

Anzeigen

Schrift benötigt einen definierten Zeichenvorrat. Drei Grundkategorien von Schrift existieren: Die Codierung einzelne Begriffe der Sprache (Lexeme) als Logogramme, die Codierung einzelnder Silben als Syllabogramme einer Silbenschrift, und die Buchstabenschrift oder Alphabetschrift, die sich an den Lauten der Sprache orientiert und diese mit einem sehr kleinen Zeichenvorat, dem Alphabet, nach bestimmten Umsetzungsregeln, der Orthografie (Rechtschreibung) umsetzt. Mischformen dieser Typen sind jedoch nicht selten.

Entwicklung

Am Anfang der Schrift steht das Bedürfnis, Informationen ihrem Inhalt nach (und nicht zwingend als Abbild von Sprache) zu fixieren. Die ältesten Schriftsysteme sind somit logografisch - dem einzelnen Zeichen entspricht ein einzelnes Konzept. Unter bestimmten Bedingungen konnten sich aus solchen logograf. Schriften phonet. geprägte Systeme bis hin zum Alphabet entwickeln. Zwangsläufig ist eine solche Entwicklung aber nicht - die chines. Schriftzeichen sind bspw. bis heute im Wesentlichen logograf. geblieben.

Als erste Vorform der Schriftlichkeit kann die Verwendung von Stempel- und Rollsiegeln gelten, die Gegenstände als zu bestimmten Verwaltungseinheiten, Personen etc. gehörig kennzeichneten. Der nächste Schritt ist die Persistierung von Zählmengen für bestimmte Wirtschaftsgüter, aus dem 4. Jt. v. Chr. sind aus Uruk und Susa tönerne Hohlkugeln bekannt, die außen mit Rollsiegelabdrücken versehen und innen mit Zählsteinen gefüllt waren, mit denen offenbar die Menge bestimmter Güter festgehalten wurde. (Eine ähnliche Funktion erfüllte einige Jahrtausende später die peruanische "Knotenschrift" Quipu.) In dieser Funktion, Güter- und Zahlensymbole zur Wirtschaftsverwaltung zu nutzen, scheint eine der Ursachen für die Schriftentwicklung zu finden sein.

Die zweite Ursache könnte jedoch auch kult./relig. Natur sein: Die Schrift wäre dann eine weitere Abstraktion und "Normierung" von Bildern, die ja schon früh (bspw. bei den Höhlenmalereien) Zeichen sind, die bspw. für das zu erlegende Tier stehen und wohl nicht nur dessen künstler. Abbild sind. Die chin. Schriftzeichen wurden nach allgemein gängiger Auffassung zunächst in der Funktion von Orakelsymbolen genutzt. Wenngleich diese zeitl. weit später als die Schriften der frühen Hochkulturen Vorderasiens entanden, sind graf. Zeichen, die im Repertoire der Donauzivilisation gehäuft auftreten, gut ein Jahrtausend älter als die frühesten Funde aus Sumer. Allerdings ist in der heut. Forschung noch strittig, ob diese schon als Schrift zu interpretieren sind. M. Gimbutas, H. Haarmann und andere vertreten die Auffassung, es könne sich hier bereits um Weihinschriften oder ähnlich kult. begründete Symbolik mit festem Repertoire handeln. Sieht man Schrift nicht nur als Codierung von Sprache, sondern eben auch als Codierung von Vorstellungen, wäre diese sog. Alteuropäische Schrift, die zwischen 4500 v. Chr. und 4000 v. Chr. genutzt wurde, die erste bekannte Schrift.

Unstrittig schriftähnliche Erscheinungen treten in der Sumerischen Schicht Uruk IV gegen 3200 v. Chr. in Form piktogrammartiger Ritzungen in Tontafeln zu Tage; ob diese Protokeilschrift bereits eine echte Schrift oder "nur" Piktogramme darstellt, ist noch unklar. Aus dieser Urform, der sog. Schriftstufe IV, entsteht eine stärker eingekerbte Schriftstufe III, die dann zunehmend abstrakter wird. Es entwickelt sich die sumerische Keilschrift, mit einem Zeichenvorrat von etwa 700-800 Zeichen, die bis Mitte des 3. Jt. v. Chr. weite Verbreitung erlangt. Die sumerische Sprache wurde in Mesopotamien von der akkadischen, und um 2000 v. Chr. von der aramäischen Sprache abgelöst. Das Aramäische kannte ein Alphabet mit 22 Buchstaben, das sich bis ca. um 1500 v. Chr. in Variationen im mykenischen Kulturraum verbreitet hatte.

In Ägypten entstand ebenfalls um etwa 3200 v. Chr. (früheste Funde aus Abydos) das Schriftsystem der Hieroglyphen. Ob es parallel zur mesopotam. Schrift oder unter deren Einfluss entwickelt wurde, ist unklar. Erste vollständige Texte, in altägyptischer Sprache, erscheinen ab etwa 3000 v. Chr. Hieroglyphen stellen sich als eine Mischung aus semogrammatischer Schrift (Verwendung der Zeichen sowohl als Logogramme/Ideogramme wie als sog. Determinative, die andere Zeichen in einen Kontext setzen und so näher bestimmen) und phonogrammatischer Schrift (Verwendung von Zeichen zur Symbolisierung von einem bis zu drei Konsonanten) dar. Parallel zur Entwicklung des Schreibens mit Tinte auf Papyrus entwickelte sich ab 2900 v. Chr. die hierfür besser geeignete Hieratische Schrift, eine Kursivschrift, die vom Bildlichen zunehmend abstrahierte und nur noch die wichtigsten Linien der Hieroglyphen umfasste. Hieroglyphen blieben gleichwohl als Zierschrift, insbesondere in der Architektur, in Verwendung. Ab dem 7. Jh v. Chr. tritt die Demotische Schrift auf, die das hieratische verdrängt.

Um 1700 v. Chr. entsteht mit dem protosemitischen Alphabet auf dem Sinai die mutmaßliche Wurzel der Alphabetschriften. Die Phönizier entwickeln sie weiter zur Phönizische Schrift. Daraus geht anfang des erst vorchr. Jahrtausends die aramäische Schrift hervor, aus dieser schließl. die hebräische wie die arabische Schrift. Doch auch die Griechen übernehmen ab etwa 900 v. Chr. die Schrift der Phönizier und verfeinern sie insb. durch das Zufügen von Vokalzeichen zur griechischen Schrift. Im Zuge der griechischen Expansion gelangt diese Schrift auf die italien. Halbinsel, wo sie durch die Etrusker aufgenommen und modifiziert wird. Mit dem Aufstieg des röm. Reiches schließlich entsteht auf dieser Basis die lateinischen Schrift.

Literatur

  • Haarmann, H.: Geschichte der Schrift, C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-47998-7

Anzeigen