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Theodizee

Artikel #8442, »Theodizee«, geschrieben von: A Bickel(Red.) (83 %) , J. Poseck (16 %)

Die Theodizee (französ., von griech. θεός, theós, Gott; δίκη, díke, Gerechtigkeit) Rechtfertigung Gottes in Anbetracht seiner Güte und Allmacht einerseits und andererseits der offensichtl. Mängel der Welt (Leid und Böses). Der Begriff geht auf Leibniz zurück, der das Problem in der Abhandlung Essais de Théodicée sur la bonté de Dieu… (Versuch der Gottesrechtfertigung, zur Güte Gottes…, 1710) eingehend erörterte.

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Das auserwählte Volk interpretierte seine ständigen Katastrophen als Strafe (Sintflut) oder Prüfung (Opferung Isaaks), es stellte die Frage nach der Vereinbarkeit von göttl. Güte mit Leid gar nicht. Hiob gibt auf die spöttische Frage seiner Frau zur Antwort: »Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?«. Erst Sextus Empiricus stellte die Frage »…woher kommen die Übel und warum nimmt er [Gott] sie nicht hinweg?« (er benutzte sie zur Stärkung seine Position als Agnostiker).

Die Existenz des Negativen wird nur in solchen religiösen Systemen zum Problem, die von einem einzigen, personalen, allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott ausgehen; dies trifft in bes. Maße für das Christentum zu. Um nur wenige Beispiele zu nennen: die Götter der Griechen waren alles andere als »allgütig« und ebenso wenig allmächtig; im Hinduismus kommt angesichts der klaren Verteilung der Rollen auf Brahma (Schöpfung), Vishnu (Erhaltung) und Shiva (Zerstörung) eine solche Fragestellung gar nicht in Betracht; und der Buddhismus kennt keinen einzigen Gott.

Rechtfertigende Lösungsansätze versuchen, den Widerspruch zwischen den beiden Aussagen (»Gott ist allmächtig und allgütig« bzw. »es gibt Leid und Böses«) dadurch aufzulösen, dass die eine oder die andere Feststellung eingeschränkt oder gar ganz fallen gelassen wird.

Relativierung bzw. Leugnung der Übel: schon Platon meinte in Die Gesetze, das Übel werde nur aus der Sicht des betroffenen Individuums so gesehen. Nach dieser Auffassung wäre das Leid der Welt objektiv gar nicht vorhanden. Der neuplatonische Christ Augustinus differenzierte das Böse in vom Menschen verursacht (Sünden, malum morale) und höhere Gewalt (Leid, malum physicum), das keine eigene Existenz habe, weil es als Mangel an Gutem (privatio boni) zu begreifen sei. Das Ganze sei der Preis des freien menschlichen Willens, der sich mit der Erbsünde für das Böse entschieden habe. Selbst der Aristoteliker Thomas von Aquin übernahm diese Gedanken, bei denen dem Übel eigenständiges Sein einfach abgesprochen wird. Einer kabbalistischen Auslegung der Genesis zufolge ist das Böse ein Rest einer früheren Weltschöpfung, die Gott wieder verworfen hat. Hegel dagegen sah das Übel als ein Durchgangsstadium in der dialektischen Entwicklung der Weltgeschichte an – er meinte, es werde später endgültig verschwinden.

Zweifel an der uneingeschränkten Macht bzw. Güte Gottes: Leibniz argumentierte hingegen, Gott sei zwar allmächtig, allwissend, allgerecht und allgütig. Doch beschränke sich seine Allmacht auf das, was logisch möglich sei; verschiedene Dinge mögen zwar unabhängig voneinander möglich sein, seien aber miteinander unvereinbar. Ohne die Übel sei jedes Streben nach Vollkommenheit unmöglich. Denn wenn alles vollkommen wäre, wäre jegliches Streben, mithin alles Handeln sinnlos. Dieses logisch notwendige Übel nannte Leibniz malum metaphysicum; aus ihm ergeben sich die von Augustin erarbeiteten Leiden und Sünden. Daraus folge, dass Gott bei Erschaffung der Welt – unter Berücksichtigung derartiger Unvereinbarkeiten – den bestmöglichen Plan gewählt habe, in welchem sich die größte Mannigfaltigkeit mit der größten Ordnung verbinde. Auf Grund ihrer Entwicklungsfähigkeit sei diese Welt tatsächlich die »Beste aller möglichen Welten«, diejenige nämlich, in der das Böse den kleinsten Raum hat, und die durch die »prästabilisierte Harmonie« gesichert wird. Der Glaube der Aufklärer an die Möglichkeit der Theodizee erlitt allerdings 1755 mit dem Erdbeben von Lissabon einen brutalen Schlag: mehrere zehntausend Menschen wurden durch blinde Naturgewalt in den Tod gerissen – Fromme wie Sünder.

Andere Ansätze relativieren die grenzenlose Güte Gottes: das Übel wird als Ausfluss des (strafenden) Willens des biblischen Gottes gesehen bzw. seine Güte wird mit seiner Gerechtigkeit aufgerechnet (dies gilt bes. für die Evangelien, in denen einerseits der Strafcharakter Jahwes überwunden wird und gleichzeitig die Verheißung des Gottesreiches auf die Gläubigen beschränkt wird). Oder aber sie bestreiten die Allmacht Gottes: insbes. das Postulat der Freiheit des Menschen wird hier herangezogen (schon bei Augustinus): Mit dem paradiesischen Baum der Erkenntnis stellte Gott die Wahlfreiheit zur Verfügung, auch damit der Mensch das Gute vom Bösen zu unterscheiden lerne und damit aus eigenem Willen zum Gelingen des Heilsplanes beitrage.

Schließlich ist auf die resignativen Standpunkte hinzuweisen, die jegliche Lösungsmöglichkeit des o.a. Widerspruchs verneinen. Schon Augustinus und Thomas von Aquin hatten dies für unmöglich gehalten: die höchste Erkenntnis sei, dass wir erkennen, Gott sei über Allem, was wir zu denken vermögen (damit können wir auch seine Macht bzw. sein Handeln nicht beurteilen). Von Kant stammt die Schrift Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee (1791), in der er ausführt, dass bei metaphys. Fragen die Vernunft an ihre Grenzen stößt. Für Nietzsche schließlich spielte die Frage nach der Rechtfertigung Gottes keine Rolle mehr, da er Gott für tot erklärte. Anders die Theologen Karl Barth (Wir sind nicht berechtigt, Gott anzuklagen) oder Hans Küng; dieser folgerte: aus der Unfähigkeit, das Rätsel des Leids und des Bösen lösen zu können, sei unbedingtes und restloses Vertrauen zu Gott notwendig. Gleiches wird bereits Tertullian zugeschrieben: credo quia absurdum (ich glaube es, weil es [die Auferstehung des Fleisches] widersinnig ist).

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