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Wirtschaftswissenschaft

Artikel #5884, »Wirtschaftswissenschaft«, geschrieben von: Josef Kandl (99 %) , Markus Schweiß(Red.) (0 %)

Wirtschaftswissenschaft, als Teil der Geisteswissenschaft / Sozialwissenschaft, befasst sich die »Lehre von der Wirtschaft« mit der wiss. Analyse der Gesetzmäßigkeiten und Regelungsmechanismen der Wirtschaft. Hauptdisziplinen der Wirtschaftswissenschaft sind die Volkswirtschaftslehre (VWL) und die Betriebswirtschaftslehre (BWL). Ergänzungsdisziplinen sind die Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftsgeographie, die allgemeine Methodenlehre, die Finanzwissenschaft, Mathematik und Statistik, die Rechtswissenschaft und die Wirtschaftsinformatik. Enge interdisziplinäre Verbindungen der Wirtschaftswissnschaft bestehen besonders zu den Sozialwissenschaften, zu der Soziologie. Die wirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen arbeiten gemeinsam an der Erfassung und Erklärung des Komplexes menschlicher Handlungen, die auf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse an Gütern und Dienstleistungen gerichtet sind.

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Für besondere Leistungen auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaft wird seit 1969 jährlich der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften vergeben.

Geschichte

Altertum und Antike

Mit dem Wesen der Wirtschaft und mit wirtschaftspolitischen Fragen beschäftigten sich die Menschen schon von alters her. Grundzüge wirtschaftlichen Denkens lassen sich bis ins Altertum verfolgen. Bereits im alten Ägypten, bei den Griechen und Römern kannte man Aufzeichnung über Warenbestände und Werte. In den Stadtkulturen des alten Ägypten wurde die Zinsleihe Teil des Wirtschaftslebens und Buchhaltung, Wirtschaftsrechnen und kaufmännischer Schriftverkehr waren damals schon feste Bestandteile der Handelsgeschäfte. Um 600 v. Chr. hat man in Griechenland die zweiseitig geprägte Silbermünzen eingeführt. Schon die Sophisten des 5. Jh. v. Chr. haben soziale und wirtschaftliche Fragen erörtert. Xenophon (426-355 v. Chr.) Schriftsteller, Politiker und Feldherr hat in seiner Schrift »Über die Staatseinkünfte« ein Programm zur finanziellen Sanierung der Polis Athen vorgelegt. Danach sollte eine staatliche Förderung der Wirtschaft, besonders die Aktivierung des Silberbergbaus von Laurion, zur Verbesserung der Finanzen beitragen. Die Staatslehren von Platon und Aristoteles befassen sich auch mit wirtschaftlichen Fragen. In seiner »Nikomachischen Ethik« beschreibt Aristoteles die Funktion des Geldes als Tauschmittel und als Maß für den Wert einer Sache. Nach ihm sei die Politik dem »guten Leben« verpflichtet.

Mittelalter

Seit jeher gab es also Rechen- und Verfahrenstechniken welche die geordnete Führung von Betrieben gewährleisteten. Wie schon in der Antike so wurden auch im Mittelalter die Händler und Kaufleute eher negativ bewertet. Die Gepflogenheiten des Kaufmannsberufes stimmten mit der damaligen kirchlichen Morallehre nicht so recht überein. Im 6. Jh. nach Chr. verpflichtete Benedikt von Nursia seine Mönche zur Arbeit als sittlicher Pflicht. Bei Thomas von Aquin steht Kontemplation und Erkenntnis höher als Arbeit und doch erhält diese eine sittliche und religiöse Weihe. Martin Luther sah jeden Beruf als gottgefällig an und Johannes Calvin erkannte darüber hinaus den Erfolg jeder Arbeit als Gottes Lohn an. Eine der ältesten bekannten Niederschriften aus dieser Zeit stammt aus den Jahren 1335-45 und wurde von F. B. Pegolotti in Florenz verfasst. Sie enthält vor allem Notizen über Münzen, Maße, Gewichte, Warennotierungen und Zinstafeln etc. Kaufmannsnotiz- und -handbücher führten alle bekannten Handelshäuser des Spätmittelalters und sie waren ein streng gehüteter Erfahrungsschatz der alten Kaufmannsfamilien und Handelsniederlassungen. Die wissenschaftliche Bearbeitung der in der Wirtschaft der Betriebe, der Städte und der Völker zu beobachtenden Phänomene im Sinne unserer heutigen Betriebs- und Volkswirtschaftslehre fehlte noch bzw. zeigte sich erst in den allerersten Ansätzen.

Der aus Venedig stammende Franziskanermönch Luca Pacioli (1445-1514) verfasste 1494 seine »Summa de Arithmetica, Geometria, Proportioni et Proportionalità« die neben der Behandlung des Handelsaustausches, der Handelsgesellschaften, der Wechseltechnik u. a. vor allem dadurch bekannt geworden ist, dass es die erste vollständige und geschlossene gedruckte Darstellung des Systems der doppelten Buchführung enthält.

16. Jh.

Die älteste deutsche handelskundliche Niederschrift stammt aus dem Jahre 1511; »Das Handelsbuch von Lorenz Meder aus Nürnberg« aus dem Jahre 1558. Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Seyffert (1893-1971) bezeichnete diese Zeit als »Frühzeit der verkehrs- und rechentechnischen Anleitungen« von denen bis zur Mitte des 17. Jh. eine Anzahl erschienen sind. Der Handel nahm, infolge der inzwischen entdeckten überseeischen Gebiete, zu und damit auch der stoffliche Umfang solcher handelstechnischen Instruktionen. Die in der Neuzeit, der Renaissance entstandenen großen Bank- und Handelshäuser wie das der Medici und der Fugger und die absolutistisch regierten Staaten und Fürstentümer mit ihren sich ausdehnenden Handelsbeziehungen erforderten wissenschaftlich fundierte und dokumentierte Erkenntnisse des Handels und der Wirtschaft. Auch der Kaufmannsbund der Hanse ist hier zu nennen.

Merkantilismus (Handelssystem)

Die staatliche Wirtschaftspolitik des Absolutismus war seit dem 16. auch im 17. u. 18. Jh. der »Merkantilismus«. Der Geldbedarf der absolutistischen Staaten für Hofhaltung und Militär war groß und so war es oberstes Ziel der merkantilistischen Politik die Finanzkraft und damit die Macht des Staates zu fördern. Im Außenhandel strebte man eine aktive Handelsbilanz an, d. h., dass man mehr Waren aus- als einführte. Importiert wurden vor allem Rohstoffe, exportiert wurden Fertigprodukte und Luxusgüter. Das Ausfuhrgewerbe war privilegiert und profitträchtige Bereiche waren Monopol des Staates. Man hat das Steuersystem entwickelt und die heimische Wirtschaft durch protektionistische Maßnahmen (Einfuhrverbote, Einfuhrzölle) geschützt. Im Merkantilismus fand ein Übergang statt, von kleinen Wirtschaftseinheiten die auf Grundbesitz und Grundeinkommen gestützt waren zu großen Manufakturen und Fabriken des frühkapitalistischen Wirtschaftssystems. Der »Dritte Stand« der Bürger und Kaufleute wird mächtiger und letztlich tonangebend.

17. Jh.

Antoine de Montchrétien (1576-1621), ein frz. Wirtschaftswissenschaftler des Merkantilismus war der erste Ökonom, der den Begriff »Volkswirtschaft« (politische Ökonomie) benutzte, definierte und von der Privatwirtschaft unterschied. Sein Werk »Traité d'économie politique« erschien 1615.

Wichtigster Vertreter des Merkantilismus war Jean-Baptiste Colbert (1619-1683), Finanzminister Ludwig XIV. Sein engster Mitarbeiter war Jaques Savary (1622-1690) dessen Werk »Le parfait négociant« von 1675 in viele Sprachen übersetzt wurde und 1676 auch in dt. erschien »Der vollkommene Kauf- und Handelsmann«. Es enthält eine Beschreibung und Analyse der Handelstechniken und Handelsgeschäfte einschließlich des Überseehandels. In straffer Systematik wird im Buch versucht zu allgemeinen Richtlinien und Regeln für den Kaufmann zu gelangen. In Deutschland hat z. B. Paul Jakob Marperger (1656-1730) eine Reihe einschlägiger Schriften zum Thema verfasst.

In England war Thomas Mun (1571-1641), englischer Kaufmann, Ökonom und Direktor der British East India Company der führende Vertreter des Merkantilismus und einer der frühesten ökonomischen Autoren. Andere wichtige Autoren der engl. Handelsnation zu jener Zeit waren John Locke (1632-1704), Francis Hutcheson (1694-1746), William Petty (1623-1687) und John Law (1671-1729). Das 1638 erschienene Buch »Il Negotiante« dt. »Der Kaufmann« des Genuesers Giovanni Domenico Peri gilt als das erste Lehrbuch der Handelswissenschaften und ist ein Werk der BWL.

Die dt. Form des Merkantilismus war die Kameralistik, die ähnlich dem frz. Colbertismus des Jean-Baptiste Colbert protektionistisch und nationalistisch war. Alle Veröffentlichungen aus dieser Zeit haben mit der heutigen BWL nicht viel Gemeinsames und sind ihrem Charakter nach keine Einzelwissenschaft sonder eher eine »Kunde« die ihren Wissensstoff aus den Erkenntnissen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen zusammentrug und Grundsätze und Verhaltensregeln für den »ehrbaren Kaufmann« aufstellte. Erst Karl Günter Ludovici (1707-1778) hat damit begonnen die »Handlungswissenschaft« als eine selbständige Disziplin innerhalb der Kameralwissenschaft zu entwickeln und gab das Werk »Eröffnete Akademie der Kaufleute: oder vollständiges Kaufmannslexicon« heraus. Dieses fünfbändige Lexikon war die erste systematische wissenschaftliche Darstellung der Handlungswissenschaft. Seinen Höhepunkt erreicht das handelswissenschaftliche Schrifttum in dem »System des Handels« das Johann Michael Leuchs (1763-1836) im Jahre 1804 veröffentlichte. Noch war die Handlungswissenschaft als Erfahrungswissenschaft »eine Lehre, den Handel als Gewerbe auf die vorteilhafteste Art zu betreiben«.

Pierre de Boisguilbert (1646-1714) war ein scharfer Kritiker Colberts, plädierte für eine freie Wirtschaft ohne Gängelung des Staates und gilt als Vorläufer des Physiokratismus und des frz. Liberalismus.

18. Jh.

Physiokratie (Herrschaft der Natur)

In der Zeit der Aufklärung entstand um den Arzt und Ökonomen François Quesnay (1694-1774) die Physiokratie und erfreute sich in der zweiten Hälfte des 18. Jh. besonderer Popolarität. Die Physiokraten, die den Merkantilismus stark kritisierten, verfassten erstmals eine schlüssige Wirtschaftstheorie und gingen dabei von einem quasi naturgesetzlichen »Wirtschaftskreislauf« aus. Quesnays Hauptwerk, »Tableau économique« erschien 1758 und ist einen Meilenstein in der ökonomischen Geschichte. Es stellt die Einkommensverteilung innerhalb einer Volkswirtschaft dar und kann als ein Vorläufer der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen unserer Tage gelten. Quesnay markiert quasi die Geburtsstunde der Wirtschaftswissnschaft in der heute verstandenen Form als eigenständige Forschungsdisziplin. Die physiokratische Schule stellte die Landwirtschaft und den Bergbau als Quelle nationalen Reichtums in den Mittelpunkt und plädierte für einen unbeschränkten freien Handel als Voraussetzung gesellschaftlicher Wohlfahrt.

Der Staatsmann und Ökonom Anne Robert Jacques Turgot (1727-1781) der bedeutendste Praktiker der Physiokratie ist schon als Vertreter der vorklassischen Ökonomie zu sehen.

Klassische Nationalökonomie

Abbildung: Adam Smith.jpg

Adam Smith (1723-1790) engl. Nationalökonom

Mit Adam Smith (1723-1790) beginnt die klassische Nationalökonomie. Er hatte die Idee einer neuen Wissenschaftsrichtung und begründete die Wirtschaftswissenschaft als akademische Wissenschaft. Inspiriert von den Physiokraten bot Smith in seinem 1776 erschienenen Werk »An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations« dt. »Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Wohlstandes der Nationen« erstmals einen Gesamtüberblick über die Wirtschaftswissenschaft. Smith kritisierte den Merkantilismus und seine Reglementierungen, plädierte für den wirtschaftlichen Liberalismus und legte die Fundamente dazu. Sein Gedanke der »unsichtbaren Hand« die dafür sorge, dass jeder Wirtschaftsteilnehmer, der nur seinen Eigennutzen maximiert, indirekt auch den gesamtwirtschaftliche Nutzen erhöht, unterstützte die Laisser-faire-Politik in der Wirtschaft. Der Staat sollte sich aus dem Wirtschaftsleben weitgehend heraushalten. Im Mittelpunkt seiner Theorie steht die Lehre von der Preisbildung. Sie vollzieht sich im Mechanismus des Marktes im freien Spiel von Angebot und Nachfrage. Entsprechende Mechanismen sah er auch beim Arbeitslohn, beim Kapitalzins und bei der Grundrente wirken. Smith, selbst Schotte, war mit dem schottischen Philosophen David Hume (1711-1776) befreundet.

Fortentwickelt wurde die klassische Nationalökonomie von dem Franzosen Jean Baptiste Say (1767-1832) einem Vordenker der Angebotstheorie, dem brit. Bevölkerungstheoretiker Thomas Robert Malthus (1766-1834) sowie in besonderem Maße von David Ricardo (1772-1823), der mit seinem Werk »On the Principles of Political Economy and Taxation« von 1817 eines der eindrucksvollsten Modelle der politischen Ökonomie schuf.

Zur klassischen Ökonomie sind auch der Mitbegründer der mathematischen Wirtschaftstheorie Antoine-Augustin Cournot (1801-1877), der Pionier der Grenznutzentheorie Arsène-Jules-Étienne-Juvénal Dupuit (1804-1866), der Raumordnungstheoretiker und Standortplaner Johann Heinrich von Thünen (1783-1850) und der engl. Philosoph und Ökonom John Stuart Mill (1806-1873) zu zählen. Mill, ein liberaler Denker und sozialer Reformer, gilt mit seinen wirtschaftswissenschaftlichen Werken als Vollender des klassischen Systems der Nationalökonomie.

19. Jh.

Industrialisierung und Imperialismus

Im Zeitalter der Industrialisierung und der industriellen Revolution verloren die Handlungswissenschaften nach und nach an Bedeutung und gerieten mit der Kameralwissenschaft in Verfall. Der vorherrschende Liberalismus förderte die Nationalökonomie. Die VWL hat sich von der Kameralwissenschaft getrennt und an allen guten Universitäten Fuß gefasst. Die Handlungswissenschaften wurden als »Profitlehren« gering geschätzt und verdrängt. Mit dem Auf- und Ausbau großer Industrien stand nicht die BWL im Vordergrund sondern eher die ingenieurwissenschaftliche Ausbildung an Technischen Hochschulen die der rasanten Entwicklung der technisierten Fabrikation besonders in Frankreich und England besser entsprach. Die internationalen Gegensätze der rivalisierenden Mächte in Europa verschärften sich und der Nationalismus und Militarismus jener Zeit fand seinen Höhepunkt im Imperialismus. Man gründete Kolonien besonders in Afrika und sicherte sich weltweit die erforderlichen Rohstoffe und neue Märkte. Die jeweils inländische Produktion wurde ausgeweitet und man war auf die Wahrung nationaler Interessen besonders bedacht. In der industriellen Arbeitswelt herrschten schlimme soziale Zustände. Schlechte Löhne, lange Arbeitszeiten (Zehnstundentag in England) und Kinderarbeit waren an der Tagesordnung.

Historische Schule der Nationalökonomie

Als ein Kritiker der von den liberalen Klassikern vertretenen Werttheorie trat der Gründer des Deutschen Zollvereins und des Eisenbahnwesens Friedrich List (1789-1846) hervor, der zur romantischen Schule der Nationalökonomie gerechnet wird. Hauptvertreter dieser Richtung war Adam Müller (1779-1829). Als weiterer früher Kritiker der klassischen Nationalökonomie ist Simonde de Sismondi (1773-1842) mit seinem Werk »Neue Prinzipien der Nationalökonomie« von 1819 aufgetreten. Wirtschaftskrisen in England und auf dem europäischen Festland sowie das von ihm überall beobachtete soziale Elend ließen ihn die angewandten Methoden der klassischen Ökonomie kritisieren. Sismondi war damit ein Vorläufer der »Historischen Schule«.

Bis in die dreißiger Jahre des 20. Jh. hinein war die VWL in Deutschland von der historischen Schule der Nationalökonomie geprägt. Sie arbeitete in der zweiten Hälfte des 19. Jh. Theorien zur Entwicklung und Erklärung historischer Wirtschaftsstufen (Naturalwirtschaft, Geldwirtschaft, Kreditwirtschaft) aus und trieb die wirtschaftshistorische Forschung voran. Die »Historische Schule« stand mit der Herausbildung der Kulturwissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jh. In enger Wechselbeziehung. Folgende Namen sind mit ihr verbunden: Georg Friedrich Wilhelm Roscher (1817-1894), Bruno Hildebrand (1812-1878), Karl G. A. Knies (1821-1898, Gustav von Schmoller (1838-1917), Karl Bücher (1847-1930), Lujo Brentano (1844-1931) und Werner Sombart (1863-1941).

Sozialismus und Marxismus

An die klassischen Wertlehre legte auch die Wirtschaftstheorie des wissenschaftlichen Sozialismus ihren Maßstab an. Hinter der blanken Fassade der vom Liberalismus ausgelösten wirtschaftlichen Prosperität versammelte sich seit der Wende vom 18. zum 19. Jh. ein gewaltiges Industrie- und Landarbeiterproletariat im Gefühl des Ausgebeutetseins und dumpfer Unzufriedenheit (»Vierter Stand«). Als Frühsozialisten und Kritiker der klassischen Nationalökonomie gelten der Franzose Henri de Saint-Simon (1760-1825), Begründer des »utopischen Sozialismus«, der Brite Robert Owen (1771-1858), der Begründer des Genossenschaftswesens und der Anarchist Pierre Joseph Proudhon (1809-1865). Weiter sind in diesem Zusammenhang Charles Fourier (1772-1817) und Louis Blanc (1813-1882) zu nennen. Nachdem der Staat von den liberalen Theoretikern aus der Wirtschaft ferngehalten und zurückgedrängt worden war, bekam er in der zweiten Hälfte des 19. Jh. Im sog. Staatssozialismus wieder eine wichtigere Rolle zugewiesen. Bedeutende Denker dieser Epoche waren Carl von Rodbertus (1805-1875) der 1842 seine Schrift »Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zustände« veröffentlichte, Ferdinand Lassalle (1825-1864) der Begründer des »Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins« und Adolph Wagner (1835-1917).

Karl Marx (1818-1883) Philosoph, Journalist und Kritiker der klassischen politischen Ökonomie griff in seiner Lehre vom »Mehrwert« und seiner Akkumulation das Kreislaufmodell Quesnays auf, entwickelte es weiter und knüpft auch an die Arbeitswertlehre Ricardos an. Drei geistige Ströme liefen in Marx’ Denken zusammen: a) die Philosophie Hegels, b) der französische Sozialismus und c) die englische Nationalökonomie. Unter dem Eindruck der Industrialisierung im 19. Jh. entwickelte der Marxismus die Begriffe Entfremdung, und Ausbeutung und beschwor die Zukunft einer klassenlosen Gesellschaft. 1848 veröffentlichten Karl Marx und Friedrich Engels (1820-1895) das Kommunistische Manifest. Marx verstand sein wissenschaftliches Werk immer auch politisch. »Die Philosophen haben die Welt immer nur unterschiedlich interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern« lautete seine Maxime.

Neoklassische Theorien der Nationalökonomie

Die neoklassischen ökonomischen Lehren entwickelten die Gedanken der klassischen Nationalökonomen fort. Herrmann Heinrich Gossen (1810-1858) war Vorbereiter der sog. Grenznutzenschule und Verfasser der »Gossen’sche Gesetze«. Zum Ende des 19. Jh. bildeten sich drei voneinander unabhängige Schulen dieser Theorie aus, welche die VWL bis weit in das 20. Jh. hinein prägten und die Theorie des Grenznutzens und des allgemeinen Gleichgewichts weiterentwickelten. Wichtige Ökonomen dieser Zeit waren in der »Österreichischen Schule« Carl Menger (1840-1921), Eugen Böhm von Bawerk (1851-1914), Friedrich von Wieser (1851-1926), Ludwig von Mises (1881-1973) und Joseph Alois Schumpeter (1883-1950); in der »Cambridge School« William Stanley Jevon (1835-1882), Alfred Marshall (1842-1924), Francis Edgeworth (1845-1926], Arthur Cecil Pigou (1877-1959) und John Maynard Keynes (1883-1946); in der »Lausanner Schule« sind neben Léon Walras (1834-1910), Vilfredo Pareto (1848-1923), Eugenius Slutsky (1880-1948), Heinrich von Stackelberg (1905-1946), Paul Samuelson (1915-) und Irving Fisher (1867-1947) bekannt geworden.

20. Jh.

Erste Hälfte des 20. Jh.

Die Handlungswissenschaft etablierte sich erst Anfang des 20. Jh. als selbständige wirtschaftswissenschaftliche Disziplin, als eine Privathandelswissenschaft die sich zur »Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre«, zur BWL entwickelte. Die ersten bedeutenden BWL-Werke waren 1910 das »System der Welthandelslehre« von Josef Hellauer (1871-1956), die »Allgemeine Handelsbetriebslehre« von 1911 des Johann Friedrich Schär und 1912 die »Allgemeine kaufmännische Betriebslehre als Privatwirtschaftslehre des Handels und der Industrie« von Heinrich Niklisch (1876-1946). Auch Wilhelm Rieger (1878-1971) Hochschullehrer in Nürnberg, hat mit seinem Werk »Einführung in die Privatwirtschaftslehre« von 1928 die theoretischen Grundlagen der BWL maßgeblich beeinflusst.

Als Begründer und Namensgeber der BWL gilt Eugen Schmalenbach (1873-1955). Als ihr Geburtsjahr wird allgemein 1898 mit der Gründung der ersten Handelshochschulen in Leipzig, Sankt Gallen, Aachen und Wien angegeben. 1901 folgte Köln und Frankfurt a. M. und 1906 Berlin. Mannheim, München, Königsberg und Nürnberg schlossen sich an. Die Handelshochschulen wurden später teilweise zu Universitäten ausgebaut oder in bestehende Universitäten integriert. Selbständig geblieben sind die Wirtschaftshochschule in Mannheim, die Handelshochschule in St. Gallen und die Hochschule für Welthandel in Wien.

Keynesianismus

In seinem Hauptwerk »Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes« (1936) legt John Maynard Keynes (1883-1946) die eigentlichen Fundamente der Wirtschaftswissenschaft. Es gilt als das wichtigste Werk der Nationalökonomie des 20. Jh. In den 30er Jahren wies Keynes einen Weg aus der damals herrschenden Massenarbeitslosigkeit der Weltwirtschaftskrise. Der Keynesianismus, eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik, die die Wirtschaftslenkung durch den Staat betont, ist die Gegenposition der Neoklassik und dominierte jahrzehntelang die makroökonomische Diskussion und auch die wirtschaftspolitische Entwicklung der BRD in den 60er und 70er Jahren des 20. Jh.

Neoliberalismus (Ordoliberalismus)

Der Ordoliberalismus entstand in Deutschland als Reaktion auf das Versagen der historischen Schule einerseits und die Weltwirtschaftskrise andererseits. Seine Theoretiker forderten einen starken Staat der die Marktordnung sichert. Der deutsche Neoliberalismus um Friedrich August von Hayek (1899-1992), Wilhelm Röpke (1899-1966) der 1937 »Die Lehre von der Wirtschaft« veröffentlichte und Walter Eucken (1891-1950) der mit Röpke zum Ordoliberalismus der Freiburger Schule der Nationalökonomie zählt und 1939 seine »Die Grundlagen der Nationalökonomie« vorlegte, überwandt die historische Schule und bereitete unsere heute gültige Soziale Marktwirtschaft vor.

Zweite Hälfte des 20. Jh.

Nach dem Zweiten Weltkrieg half der Marshallplan der europäischen und besonders der deutschen Wirtschaft wieder zu erstarken. Mit der Währungsreform und der Einführung der D-Mark 1948 und mit der Gründung der BRD 1949 wurden im Nachkriegsdeutschland auch neue wirtschaftspolitische Weichen gestellt. Bedeutende Wirtschaftspolitiker jener Zeit waren Ludwig Erhard (1897-1977) Wirtschaftsminister und späterer Bundeskanzler, der als Vater des deutschen Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg gilt und der von 1966-72 amtierende Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller (1911-1994) der ein überzeugter Anhänger und Vertreter der Theorien von John Maynard Keynes war. Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack (1901-1978), der der »Sozialen Marktwirtschaft« den Namen gab, bauten auf dem ordnungspolitischen Konzept der sog. »Freiburger Schule« auf, das seit den 30er Jahren gereift war, setzten es in die Praxis um und entwickelten es weiter. Neben Keynes trat der US-Ökonom Milton Friedman (1912-2006) mit seinem Werk »Kapitalismus und Freiheit« (1962) als ein Vertreter des Monetarismus besonders hervor. Friedmann war Mitglied der liberal-marktwirtschaftlichen »Chicagoer Schule«. Als Analyst der nachfrageorientierten Wirtschaftstheorie hatte er in den 80er Jahren des vorigen Jh. wesentlichen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik der USA, Englands und vieler anderer Länder.

Erich Gutenberg (1897-1984) löste mit seinem Werk »Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre« von 1951 eine starke methodologische Diskussion um die BWL aus. Sein Schüler Edmund Heinen (1919-1996) formulierte und entwickelte ab 1970 den »entscheidungstheoretischen Ansatz« in der BWL.

In der Nationalökonomie der letzten Jahrzehnte bildete die Wachstumspolitik einen besonderen Schwerpunkt. Zudem ist eine Zunahme mathematisch-statistischer Ansätze in der Wirtschaftswissenschaft zu verzeichnen (Optimierungsrechnungen). Seit den frühen neunziger Jahren spielt die von John von Neumann (1903-1957) und Oskar Morgenstern (1902-1977) entwickelte Spieltheorie in den Analysen und Lösungskonzeptionen der Wirtschaftswissenschaft eine wichtige Rolle (»Spieltheorie und wirtschaftliches Verhalten«, Theory of Games and Economic Behavior) von 1944). Heute gelten die Wirtschaftswissenschaften als exakteste unter den Sozialwissenschaften. Sie verfügen über ein hochkomplexes mathematisch untermauertes System zur Erklärung der Wirklichkeit.

21. Jh.

Die Wirtschaftswissenschaften stehen am Beginn des 21. Jh. sowohl im mikroökonomischen als auch im makroökonomischen Bereich zum Teil wieder vor alten Problemen aber auch vor völlig neuen Herausforderungen globalen Ausmaßes in einer sich rapide verändernden Welt.

In Deutschland stehen in der aktuellen Diskussionen die Themen Arbeitslosigkeit und stagnierendes Wirtschaftswachstum im Vordergrund. Dazu kommt, daß aufgrund der demographischen Entwicklung (es werden immer weniger Kinder geboren und die Menschen werden älter) die bestehenden sozialen Sicherungssysteme immer weniger bezahlbar werden. Anstrengungen zur Verbesserung des Bildungssystems und die Familienförderung erfordern erhebliche zusätzliche Mittel. Die Prozesse der Anpassungen und Angleichungen der unterschiedlichen Wirtschaftssysteme die nach der deutschen Wiedervereinigung erforderlich wurden (Planwirtschaft und Marktwirtschaft) sind noch nicht endgültig abgeschlossen. Die Einführung der Deutschen Mark im Osten Deutschlands und die spätere Umstellung der europäischen Währungen auf den Euro wirkt noch nach und wird nicht einheitlich positiv bewertet.

Im Zeichen der globalisierten Wirtschaft steigt die Neigung der Industrie ihre Produktionen in Niedriglohnländer wie Osteuropa oder Asien zu verlagern was z. T. zu erheblichen Personalfreistellungen und Belastungen des heimischen Arbeitsmarktes führt. Gleichzeitige exorbitante Gehälter der Wirtschaftsführer lassen an die Verantwortung der Unternehmer für den Standort Deutschland und an ethische Grundsätze der Wirtschaft im allgemeinen appellieren. Bestehende Arbeitsplätze und Beschäftigungsverhältnisse sind unsicherer denn je. Notwendige Anpassungen an veränderte Wirtschaftsstrukturen und politische Entscheidungen wie z. B. bei der Steinkohle oder bei dem geplanten Ausstieg aus der Atomenergie und dem Umstieg auf alternative und erneuerbare Energien (Wasser-, Sonnen-, Windenergie und Biokraftstoff und Bioheizkraftwerke), die Intensivierung der ökologischen Wirtschaftsweise in der Landwirtschaft und die eingeleiteten Reformen zur Sicherung der Sozialsysteme sorgen für weitere Verunsicherungen. Der Reglementierungseifer der EG tut ein übriges.

In Europa stehen die mühevollen Integrationsschritte der neuen Mitgliedsstaaten in die Europäische Gemeinschaft an. Aufgabenfelder die im wachsenden Europa zu bearbeiten und den wechselnden Rahmenbedingungen anzupassen sind: Europäischer Binnenmarkt, Sozial- und Beschäftigungspolitik, Agrarpolitik, Umweltpolitik, Regionalpolitik, Internationales Engagement (Außen- und Sicherheitspolitik). Zu allem kommen die politischen Bemühungen um eine künftige gemeinsame Europäische Verfassung.

Weltweit ist man bemüht die Auswüchse der zunehmenden Globalisierung der Wirtschaft einzudämmen, es geht um Liberalisierung des Handels zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungs- und Schwellenländern unter dem Dach der WTO und um die gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen der Wirtschaftsräume wie EG, NAFTA, MERCOSUR, ASEAN u. a. Gleichzeitig gilt die Aufmerksamkeit der internationalen Wissenschaftler, Theoretiker und Wirtschaftspolitiker auch den Problemen der ungleichen demografischen Entwicklung in der Welt, der Beseitigung von Arbeitslosigkeit und Armut, der Versorgung mit Rohstoffen und Energie zu vernünftigen Preisen, besonders Öl und Gas, dem Klimaschutz, der Erhaltung der Natur und den Umweltverträglichkeiten der boomenden Industrien besonders in den USA, in Indien und China gerichtet. Ferner stehen Weltwährungsfragen, Auslandsinvestitionen und Staatsverschuldungen der Einzelstaaten dieser Welt im Fokus.

Literatur

  • Röpke, Wilhelm: Die Lehre von der Wirtschaft, 8. Auflage, Eugen Rentsch Verlag, Zürich und Stuttgart, 1958
  • Eucken, Walter: Die Grundlagen der Nationalökonomie, 7. Auflage, Springer-Verlag, 1959
  • Geigant, Friedrich: Die Wirtschaft; Ein Überblick über volkswirtschaftliche Grundfragen, A20, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München, 1970
  • Wöhe, Günther: Einführung in die allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 10. Auflage, Verlag Franz Vahlen GmbH, Berlin und Frankfurt a. M., 1971, ISBN 3 8006 0015 3
  • Häuser, Karl: Volkswirtschaftslehre, Fischer Bücherei – Funk-Kolleg, 1967, ISBN 3 436 00844 3
  • Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Wissenschaft, Band 2, Fischer Taschenbuch Verlag, 1982, 1280-ISBN-3-26399-9
  • Sommer, Theo (Hg.): Zeit der Ökonomen, Eine kritische Bilanz volkswirtschaftlichen Denkens, Zeit-Punkte Nr. 3 – Zeitverlag, Gerd Bucerius GmbH & Co. Hamburg, 1993

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